Tanztheater: Gnade ist wie ein reinigendes Wasser

In 2016 startete der Braunschweiger Dom eine Veranstaltungsreihe mit dem Namen „Sommernächte“, die am kommenden Freitag (11.8.) ab 22 Uhr fortgeführt wird. Das Tanzensemble des Braunschweiger Staatstheaters tanzt unter der Leitung von Gregor Zöllig „Gnade. Einmal getanzt …“. Damit wagt der Dom im Jubiläumsjahr der Reformation einen Schritt, der über den berühmten Tellerrand hinausgeht. Tanzen „auf“ dem Altar ist dabei gar nicht so ungewöhnlich, wie man auf den ersten Blick Glauben will. Noch gibt es Restkarten für dieses spannende Tanztheater. Rundschau-Redakteur Thomas Schnelle war bei der Generalprobe am vergangenen Dienstag.

Was ist Gnade? Eine rechtliche Größe? Wenn die Staatsmacht einem verurteilten Straftäter Gnade gewährt? Eine theologische? Gnade ist notwendig, wo das Fehlen einer göttlichen Kraft die grenzenlosen Begierden der Menschen zum alleinigen Wertmaßstab manifestieren. In jedem Fall aber geht es um Wohlwollen und das vor allem liegt in der Nächstenliebe. Einer zuhöchst christlichen Thematik. Gnade ist das Fundament der Nächstenliebe, die verbal zu beschreiben alles andere als eine leichte Aufgabe darstellt. So hilft denn Tanzen, der Gnade auch ein konkretes Gesicht zu geben. 

Gregor Zöllig stellte sich begeistert und beeindruckt von der durch den Ort erzwungenen sakralen Herausforderung. Anders als sonst üblich setzt er den 16 Tänzerinnen und Tänzern lediglich thematische Rahmen. Die zu füllen ist dann deren hehre Aufgabe. Was für die jungen Profis definitv eine Herausforderung an Improvisationskraft und Spontanität darstellt. Die Innigkeit der Berührungen, unterdrückte Aggressionen, die Reinigung, in jeder Sekunde und auf jeden Quadratmeter sind die Tänzerinnen und Tänzern gefordet, die Auseinandersetzung mit Raum, Zeit und Architektur in Einklang zu bringen. Und über allem schwebt der „göttliche Hauch“ des Doms und seiner Geschichte. Ein Hauch, der getragen wird von den weich schwingenden, sphärischen Klängen der Orgel, gespielt von Kantor Witold Dulski, einer elektrischen Gitarre (Andreas Völk) sowie einem elektrischen Klavier. Unten finden Sie eine akustische Hörprobe, was den Besuchern am kommenden Freitag geboten wird.

Thematische Rahmen

Die thematischen Rahmen sind bewusst gegensätzlich konstruiert. Das strotzt die Aggression vor Dynamik, kontrastiert von der einfühlsamen, zärtlichen Liebe. Da folgt die Ausbeutung des Individuums der erlösenden Hoffnung. Schon bei der Probe war zu erkennen, das es Gregor Zöllig gelungen ist, allen Akteuren den „Geist“ der Idee zu vermitteln. Was zweifelsohne in einer mehrfach fremdsprachigen und von unterschiedlichen Glaubensrichtungen geprägten Compagnie keinesfalls ein leichtes Unterfangen darstellt.

Gregor Zöllig ist sich auch klar darüber, dass die rund 60-minütige Vorstellung viel Platz für Gefühle und Interpretationen mit sich bringt. Hier wird keine Geschichte getanzt, hier wird aufgeworfen, gefragt und geantwortet. Genau das sollen auch die Besucher können. Nach der Aufführung bleibt der Dom bei Wasser und Wein für Gespräche geöffnet. Bleibt zu hoffen, dass die Besucher nach 23 Uhr noch Lust verspüren, sich dem Thema Gnade zu widmen.

Eintrittskarten

Karten für die einzige Aufführung sind noch erhältlich beim Staatstheater, beim Dom und gegebenenfalls auch an der Abendkasse, sofern dann noch Karten verfügbar sind. Der Preis beträgt 16 Euro.

Choreografie:                   Gregor Zöllig und Ensemble
Musikalische Leitung:    Witold Dulski
Dramaturgie:                   Diether Schlicker

Impressionen von der Generalprobe

Hörprobe: