So tanzt Europa

Anfang April hatte das Staatstheater Braunschweig zur Tanzgala eingeladen und sie kamen, die Tanzinteressierten. In Strömen. So zahlreich, dass die Schlangen an den beiden Kassen den pünktlichen Beginn verhinderten. Aber das Warten hat sich gelohnt. Am Ende erhielten die elf Darbietungen „standing ovations“ vom durch die Bank fachkundigen Publikum.

Mit der Tanzgala vermittelte das Staatstheater dem Braunschweiger Publikum eine aktuelle Übersicht über das, was im europäischen Tanz angesagt ist. Und das ist auf jeden Fall vielfältig, auch wenn der eine oder andere Trend für das klassische Tanzpublikum durchaus gewöhnungsbedürftige Züge annimmt.

Man hätte sich hier in der von Intendant Joachim Klement und Gregor Zöllig (Leiter des Braunschweiger Tanztheaters) doch recht trockenen Moderation durchaus tiefergehende Informationen gewünscht. Stattdessen lasen beide ihre Texte ab, die sich kaum vom Text des Programmfolders unterschieden.

Den Auftakt machte das Tanztheater Braunschweig mit einem Ausschnitt aus „Auftaucher“. Das rhythmisch orientierte Stück von Henriette Horn weckte Erwartungen, die dann von Cie Sun Shade aus Frankreich nicht erfüllt werden konnten. Thomas Barbarisi mit „Slave“ von David Llari dürften weniger tanzkundige Zuschauer in den Bereich der unrhythmischen Sportgymnastik abgelegt haben. Die düstere, körperbetonte Darbietung war die mit Abstand „schwerste Kost“ an diesem frühen Sonntagabend.

Bettina Bölkow und Simon Wiersma vom Tanztheater Braunschweig holten die Besucher aber wieder zurück in die mitunter durchaus schöne Realität. Mit „Immer und ewig“ von Gregor Zöllig glänzten die Beiden in einer ausdrucksstarken, emotionalen Präsentation sozialer Verflechtung in heterogenen Beziehungen. Ein Thema, das letztlich auch das dritte Stück ausmachte. Dominik Wiecek aus Polen tanzte mit Witz und Ironie die Widersprüchlichkeit der flimmernden Welt oberflächlicher Klischees.

Das erste Highlight des Abends dann die Choreografie „Totilas – der Ritt“ von Paul Hess, getanzt von Paul Hess. Seine lustige, formal strenge Interpretation der Fähigkeiten des Dressurpferdes und Ausnahmetalents Totilas begeisterte auf eine besondere Art und Weise und stellte eindrucksvoll unter Beweis, warum „Totilas – der Ritt“ 2015 zu Deutschlands bestem Tanzsolo gekürt wurde. Wer es noch nicht gesehen hat, kann das auf You Tube jederzeit nachholen.

Elemente klassischen Tanzes und aussagekräftige Emotionen präsentierte das Ballett im Revier Gelsenkirchen mit „Ruß – Eine Geschichte von Aschenputtel“, die vor allem jene Besucher erreichte, die sich seit langem nach der Rückkehr eben jener klassischen Ballettvorstellungen sehnen.

Tiago Manquinho vom Tanztheater Braunschweig sorgte aber schnell dafür, dass sich die klassische Erinnerung nicht lange halten konnte. „Tom Traubert’s Blues“, eine Choreografie von Gregor Zöllig, war eine anstrengende Bodenkür für eine Matratze und einen Tänzer. Tom Waits subkultureller Song erzählt vom Abhauen, vom Flüchten, von der Distanz zum Weltlichen. Wie das mit einer nur sperrig zu ertanzenden Matratze korrespondiert, blieb mir verborgen, was allerdings keinesfalls der Beleg minderer Tanzqualitäten ist.

Das Scapino Ballet Rotterdam stellte dafür wieder die Spannungen zwischen Liebenden in den Fokus, getragen von den eindringlichen, zarten Klänge von „Risonanza“ des holländischen Pianisten Michiel Borstlap, der in seiner Musik immer wieder an Ludovico Einaudi erinnert, während Bridget Breiner, die für die verletzungsbedingt ausfallende Bridget Zehr einsprang, mit ihrem Soloauftritt für einen harten, ästhetischen Kontrast Sorge trug.

Die beiden letzten Darbietungen des Abends zählen dann definitv zu den Highlights. Zuerst war es „Far From The Norm“ aus England, deren Hip-hop-geprägter Stil Dynamik, Lebensfreude und Gemeinschaftsgeist präsentierte, was nicht als ironischer Beitrag zum englischen Brexit gemeint sein dürfte, aber durchaus auch als solcher interpretiert werden darf.

Denn Abschluss setzte das Tanztheater Braunschweiger. Die Gemeinschaftsproduktion „Dein Herz ist meine Heimat“ war das opulente Schlussbild und eine getanzte Kollage aktueller Tanztrends in Europa.